Hallo, mein Name ist Oliver und ich bin Deskiller.
Ich habe Excel-Formeln vergessen, meine rudimentärsten Fähigkeiten Pythoncode zu schreiben sind verkümmert und meine Kompetenz in der manuellen Recherchearbeit hat ebenfalls nachgelassen.
Schuld daran bin ich…aber eigentlich doch die KI. Und ich möchte dazu sagen: Danke!
Nicht, weil ich diese Dinge nicht gerne können würde… ganz im Gegenteil: Ich würde gerne Code rauf und runterschreiben können, alle relevanten Seiten für Paper direkt im Kopf haben und in Excel… okay, Excel ist mir wirklich ziemlich egal.
Und warum dann danke? Weil unser Leben am Schluss eben in der zeitlichen Dimension doch ein Nullsummenspiel ist. Wenn ich etwas mache, habe ich keine Zeit für etwas anderes und leider fällt es Menschen oft schwer das zu sehen, was nicht ist. Schreibe ich keine Protokolle, verliere ich meine Fähigkeit Protokolle schnell zu schreiben aber zum gleichen Zeitpunkt hätte ich ja auch Stricken lernen können. Warum bin ich also noch nie auf die Idee gekommen diesen Verlust zu beklagen?
Gerade für die Wissensarbeit ist diese Tätigkeitsverschiebung übrigens essentiell. Cal Newport hat es einmal schön auf den Punkt gebracht: Wissensarbeit ist miserabel messbar. Und weil niemand zählt, wie viele gute Gedanken man pro Stunde hatte, tut man das, was man am besten kann - man beschäftigt sich. E-Mails beantworten, in Meetings sitzen, Formatierungen polieren, in der dritten Abstimmungsschleife eines Dokuments hängen, das eigentlich längst fertig ist und hatte ich Meetings erwähnt? Man vergeht in Aktivität und nennt es Arbeit. Und das Tückische daran: Es fühlt sich sogar produktiv an. Man hat ja was getan.
Nun gebe ich vieles an die KI ab - keine Sorge, ich habe ein lokales System, sodass Datenschutz kein Problem darstellt - und auf einmal ist da Zeit für das, was ich eigentlich tun sollte: über Dinge nachdenken und neue Konzepte entwickeln. Insofern geht das Deskilling auf der einen Seite auch mit einem Upskilling an anderer Stelle einher - zumindest, wenn ich die freigewordene Zeit nicht ins Serienschauen verballere aber das ist vor allem eine Frage des Alignments und dazu möchte ich anderer Stelle lieber ausführlicher schreiben.
Das Tolle: Seitdem der Kopf nicht mehr im Kleinklein feststeckt, gibt es viel mehr Einfälle. Querverbindungen. Ideen, die plötzlich auftauchen, weil endlich Platz dafür ist. Nicht weil KI mir die Ideen gibt (das allerdings manchmal auch), sondern weil sie mir den kognitiven Raum freiräumt, in dem Ideen überhaupt erst entstehen können.
KI ist nicht Kompetenzverlust. KI ist Kompetenzverschiebung. Und ja, das heißt, dass man bewusst entscheiden muss, wohin man verschiebt. Aber diese Freiheit ist ein Geschenk, kein Problem.
Einen Haken hat die Sache aber doch: All das Gedaddel, die Routinetätigkeiten, das stumpfe Abarbeiten...das war auch ein Puffer. Eine Art kognitiver Pausenraum, der den Tag strukturiert hat, ohne dass es sich wie Pause anfühlte. Man hat formatiert und dabei ein bisschen vor sich hin gedacht. Man hat recherchiert und dabei den Kopf sortiert. Nicht die produktivste Zeit der Welt, aber eine, die dem Gehirn erlaubt hat, zwischendurch Luft zu holen.
Wenn man diesen Puffer mit KI wegrationalisiert, bleibt konzentrierte Denkarbeit übrig. Den ganzen Tag. Und das ist...nun ja...zu viel. Ericsson hat bei Spitzenleistern dokumentiert, dass selbst die Besten nur etwa drei bis vier Stunden am Tag wirklich konzentriert arbeiten können. Newport schätzt für die meisten Wissensarbeiter eher drei. Danach sinkt die Qualität, steigen die Fehler, und das Risiko für Erschöpfung wächst.
Wer also KI konsequent nutzt und dadurch den ganzen Tag auf Deep Work verdichtet, der läuft Gefahr, sich schneller auszubrennen - nicht trotz, sondern wegen der gewonnenen Effizienz.
Ach ja… noch mal zurück zum Python-Code. Ich habe nämlich jetzt, wo ich ein bisschen mehr mit dem Vibecoden angefangen habe, festgestellt, dass ich eigentlich doch gerne mehr verstehen würde, was da passiert. Und das Problem damals war vielleicht auch gar nicht so sehr die Materie, sondern das Medium. Ich fand es einfach schwierig, mit Python für volln00bs als Buch wirklich voranzukommen.
Stattdessen habe ich jetzt wieder auf die KI zurückgegriffen. Ich habe mir einen Bot erstellt, der mir Python so beibringt, wie ich es möchte: Anhand einer spannenden SciFi-Geschichte mit Lernstandsspeicherung. Das Ganze hat mich vielleicht eine Viertelstunde in der Einrichtung gekostet und ich mache schon große Fortschritte und habe vor allem schon großen Spaß.
Was bleibt nun also noch zu sagen?
Hallo, mein Name ist Oliver und ich bin Deskiller, Reskiller, Upskiller und Newskiller… und das ist gut so.