Gedankenraum

Kein Monument, sondern ein Garten

Dr. Oliver Nahm
Ein verwunschener Garten mit Steinweg – Kein Monument, sondern ein Garten

Vor kurzem bin ich über einen Post zum Thema VUKA gestolpert und musste kurz lachen. VUKA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität und soll unsere moderne Welt beschreiben. So weit so gut, bloß, dass das Konzept schon viele Jahre alt ist und man sich mit Blick auf die Entwicklungen im Bereich generativer KI schnell fühlen kann, wie der alte Sack in einem Film, der mit leeren Augen in die Kamera schaut und sagt: „You've seen nothing son".

Aber ist das fair? VUKA scheint in jedem Fall eine treffliche Beschreibung zu sein für unsere aktuelle Situation aber wer garantiert einem, dass der nächste alte Sack nicht hinter der nächsten Ecke lauert und einem den gleichen Spruch reindrückt? Und war es überhaupt je anders? Wäre ein Mensch während des Dreißigjährigen Krieges oder aus den Pestzeiten zu einem gekommen und hätte gesagt: „Also hier ist alles chillig, tut mir leid, dass ihr da durch müsst!"

VUKA ist also vielleicht schlicht Teil der menschlichen Natur und das einzige Neue ist unser Bedürfnis alles mit lustigen Akronymen zu versehen?

* * *

Doch halt: Was ist mit dem Entwicklungstempo? Das ist doch wirklich ein ganz anderes als zu früheren Zeiten. Stimmt, aber ich persönlich glaube, dass es sich mit der Entwicklungsgeschwindigkeit genauso verhält wie mit der Geschwindigkeit bei Fahrzeugen. Als die ersten Züge rollten, glaubte man, dass sie mit ihren bahnbrechenden 30-50 km/h ein „Delirium furiosum" also Wahnsinn auslösen könnten und fairerweise sehen 30 km/h von außen auch ganz schön schnell aus. Im Zug oder Auto sind aber auch 120 km/h dann ganz passabel, kurz: den Moment der Beschleunigung merkt man vielleicht, das Tempo danach aber nicht mehr... zumindest, wenn die Straße passt.

Und vielleicht, vielleicht war unsere Straße im Westen einfach etwas zu gut. Alles lief, wir hatten gutes Tempo und auf den fast unausweichlichen Sekunden- folgte der Dornröschenschlaf, bis wir BÄM in die Leitplanke der KI reinkrachen und feststellen müssen, dass andere Teile der Welt schon längst an uns vorbeigezogen sind — zumindest in einigen Bereichen.

Ich persönlich bin der Leitplanke dankbar, ich bin dankbar, dass der Weg schwieriger wird. Bis zur KI waren wir als Westen im stillen und ach so bequemen Untergang begriffen, warm umlullt von der Idee der „End of History" – immer ein, sagen wir mal freundlich, kurioser Gedanke.

Aber unsere Gesellschaft, unsere Werte – all das sind kein Monument, sondern ein Garten, der stets gepflegt werden muss.

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