Gedankenraum

Warum wir nach dem ewigen Leben streben sollten

Dr. Oliver Nahm

Schon in der Bibel steht geschrieben, dass das menschliche Leben auf 120 Jahre begrenzt sein soll. Zugegebenermaßen erreicht auch heute kaum jemand dieses Alter, doch scheint es sich dabei um eine recht gute Schätzung gehandelt zu haben, denn, wenngleich es einige Personen gegeben hat, die das Alter von 119 erreicht haben, gibt es nur eine einzige bekannte Person die diese Grenze jemals durchbrochen hat. Jeanne Calment, geboren 1875, gestorben 1997 und auch sie schaffte nur knapp den Sprung mit 122 Jahren.

Doch finden wir in der Bibel auch Menschen wie Enoch, der angeblich im reifen Alter von 365 Jahren starb und seinen Sohn Methusalem, der je nach Interpretation 720 oder sogar 969 Jahre alt geworden sein soll.

Gehen wir einmal davon weg, dass diese Zahlen symbolisch zu verstehen sind, was wäre, wenn Menschen tatsächlich dieses Alter erreichen könnten, was wäre, wenn wir praktisch unsterblich werden könnten?

Dies ist eine Frage, die in den kommenden Jahrzehnten sicherlich zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Schon jetzt ist es möglich das Leben von Mäusen um bis zu 35%, bei voller Gesundheit zu verlängern und gerade im letzten Jahr begannen die ersten klinischen Studien mit Metformin, einem Medikament gegen Diabetes, welches scheinbar als Nebenwirkung eine drastische Reduktion von vielen altersbedingten Krankheiten mit sich bringt.

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Und tatsächlich ist das Ziel, das menschliche Leben zu verlängern untrennbar mit der Bezwingung von Krankheiten verbunden und dies in zweierlei Gestalt. Zum einen wäre auch ein hypothetisch unbegrenztes Leben wesentlich weniger attraktiv, wenn es mit permanenten Erkrankungen und Verfall verbunden wäre. Zum anderen handelt es sich bei dem Alterungsprozess um eine der Hauptursachen zahlloser Krankheiten und da Prävention eine bessere Strategie darstellt als Therapie, sollte die Bezwingung des Alterns ein Hauptziel der Medizin darstellen.

Das heißt also, dass die Verlängerung des Lebens aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Unterbindung des Alterungsprozesses und somit mit einer zumindest potentiellen Unstorblichkeit einhergeht.

Hiermit sollte auch eine der Hauptsorgen vieler Menschen in Bezug auf das sehr lange oder sogar ewige Leben zerstreut sein, denn natürlich geht es um das verlängerte Leben bei guter Gesundheit. Zwar haben wir schon in den letzten Jahrzehnten, zumindest in der westlichen Welt, einen signifikanten Anstieg der Lebenserwartung erlebt – so konnte ein 60-Jähriger im Deutschen Kaiserreich noch mit weiteren 12 Jahren Lebenszeit rechnen, während es im Jahr 2008 bereits 23 Jahre waren, doch werden diese zusätzlichen 11 Jahre selten mit Gesundheit in Verbindung gebracht. Vielmehr scheint es so, als ob die Medizin vor allem die Phase des Leidens verlängert hat und nicht die Phase des Lebens. Niemand dürfte die Idee attraktiv finden 100 Jahre länger im Krankenhaus liegen zu dürfen, aber gegen die Option diese zusätzliche Zeit bei bester Gesundheit verbringen zu können dürften wenige Menschen Einspruch erheben.

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Doch ist es überhaupt ethisch nach einem längeren, oder sogar nach dem ewigen Leben zu streben?

Hier möchte ich mich, wenngleich in veränderter Form, einem Argument des Bioinformatikers Aubrey de Grey anschließen. Ich möchte kein Alzheimer bekommen und ich möchte auch nicht, dass irgendjemand anderes Alzheimer bekommt. Ich möchte auch nicht, dass irgendjemand Krebs, Diabetes, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt bekommt und… ich möchte auch nicht, dass irgendein Mensch sterben muss, wenn er dies nicht wünscht. Davon ausgehend, dass dieser Wunsch von den meisten Menschen geteilt wird, ist der individuelle Wunsch an dieser Stelle zugleich gesellschaftliches Streben. Es existiert also keine Dichotomie zwischen Individuum und Gesellschaft.

Das verlängerte Leben, verbunden mit dem Bezwingen des Alterungsprozesses und damit auch vieler Krankheiten ist also ein Gut, sowohl auf individueller, als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Es sind aber nicht nur humanistische Gründe, die für die Verlängerung des menschlichen Lebens sprechen. Auch wirtschaftlich wäre dies durchaus sinnvoll. Gerade die westlichen Gesellschaften kämpfen mit einer massiven Überalterung. In Japan ist fast jeder vierte Mensch über 65, mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen, die hierdurch beseitigt werden könnten.

Überhaupt würde der einzelne Mensch die Gelegenheit erhalten sich voll zu entfalten, denn dies ist der Bildungsauftrag, der uns von vielen Denkern mitgegeben wird. Von Meister Eckhart, über Comenius und Humboldt bis Goethe finden wir immer wieder den Gedanken, dass wir unsere Potentiale voll ausschöpfen sollen.

Wie viele Menschen wünschen sich im Verlauf ihres Lebens andere Wege eingeschlagen zu haben, doch es ist schlicht zu spät für eine neue Ausbildung, ein neues Studium, ein neues Wagnis. Durch eine verlängerte Lebensspanne würden ihnen diese Zeit gegeben, Zeit zur besten Version ihrer selbst zu werden.

Vielleicht mögen sogar einige Menschen hierdurch einen größeren Respekt vor ihrem eigenen Leben entwickeln. Vielleicht sind Menschen weniger bereit für eine Ideologie zu sterben, wenn der Preis dafür die Ewigkeit ist.

Derzeit sterben weltweit jeden Tag 150.000 Menschen und so wie ich dies sehe, handelt es sich dabei um eine humanitäre Katastrophe unfassbaren Ausmaßes… wir haben uns nur daran gewöhnt.

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Natürlich gibt es auch noch weitere Probleme, die aus dem ewigen Leben erwachsen könnten. Sind wir bereit mit ewig-lebenden Diktatoren umzugehen, selbst über Jahrhunderte hinweg zu arbeiten? Was ist mit der drohenden Überbevölkerung oder einer möglichen gesellschaftlichen Stagnation?

Ich halte keines dieser Argumente für überzeugend.

Das Arbeit vielen Menschen als etwas Negatives gilt verweist eher auf ein Problem welches wir schon haben, als eines, welches auftauchen würde, wenn wir ewig leben würden. Natürlich kann ich verstehen, wenn ein Mensch keine Lust hat ewig 40 Stunden in der Woche einer erniedrigenden Arbeit nachzugehen, doch ist die gesellschaftliche Teilhabe etwas, wonach die meisten Menschen streben. Somit liegt es an uns Arbeitsplätze zu schaffen, die keine langsame Vernichtung der Motivation des Arbeitnehmers bedeuten, unabhängig von unserer Lebenserwartung.

Auch die hierdurch drohende Überbevölkerung ist ein Problem welches leicht überschätzt wird. Das hängt damit zusammen, dass Menschen bei Bevölkerungsentwicklung direkt an exponentielles Wachstum denken. Natürlich, wenn ich 4 Kinder bekomme und diese bekommen jeweils wieder 4 Kinder gerät das Ganze schnell außer Kontrolle, doch lautet die gute Nachricht: Menschen sterben nur einmal nicht. So ist es auch zu erklären, dass, auch wenn in Deutschland spontan niemand mehr sterben würde wir immer noch 100 Jahre brauchen würden um die aktuelle Bevölkerungsdichte der Niederlande zu erreichen (und von Bangladesch trennen uns sogar 377 Jahre).

Auch im Bereich gesellschaftlicher Stagnation würde ich mir wenig Sorgen machen. Erstens möchte ich behaupten, dass nicht jede neue Idee zwangsläufig besser ist, als das, was schon da war. Auf der anderen Seite zeigen Umfragen, dass in Deutschland selbst ein großer Teil der über 50-Jährigen (84%) Homosexualität akzeptieren, obwohl das Credo ihrer Erziehung in vielen Fällen anders ausgesehen haben dürfte. Gute Ideen setzen sich durch, selbst wenn die Vertreter der alten Überzeugungen nicht aussterben.

Übrigens dürfte auch der wissenschaftliche Fortschritt nicht leiden. Wie eine Science-Studie aus dem Jahr 2016 belegt spielt das Alter bei der Produktivität von Wissenschaftlern nur eine untergeordnete Rolle. Tatsächlich können die wichtigsten Paper eines Wissenschaftlers zu jedem Zeitpunkt in seiner Karriere entstehen.

Und was die Diktatoren anbelangt… die tendieren eh nicht dazu eines natürlichen Todes zu sterben.

Aber wer weiß, vielleicht wird uns schlicht langweilig nach den ersten hundert Jahren, aber bei der Wahl zwischen Krebs mit 75, Alzheimer mit 80 und tot mit 85 einerseits und gelangweilt mit 150 andererseits – weiß ich, was ich wählen würde.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich 2017.

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