Generative KI in der beruflichen Bildung

Entwicklung, Analyse und Integration

Forschungsprojekt am Bundesinstitut für Berufsbildung · Dr. Oliver Nahm, Martin Isenmann · seit 2025

Während zu Schulen und Hochschulen bereits zahlreiche Untersuchungen zum Einsatz von KI vorliegen, ist der Bereich der beruflichen Bildung bislang weniger gut empirisch durchdrungen. Dieses Forschungsprojekt untersucht seit 2025 systematisch, wie generative KI in der beruflichen Aus- und Weiterbildung genutzt wird, welche Wirkungen wahrgenommen werden und welche Rahmenbedingungen den Einsatz fördern oder hemmen.

Methodik

Das Projekt kombiniert wiederholte Online-Befragungen (zwei Durchläufe im Abstand von neun Monaten) mit qualitativen Vertiefungsphasen (halbstrukturierte Interviews) und nutzt ein Reifegradmodell mit verschiedenen Anwendungsfeldern zur Analyse.

  • Online-Befragung (Welle 1, 2025): 246 Ausbildungsverantwortliche aus Betrieben, Berufsschulen, ÜBS, Weiterbildungsinstituten, Kammern und mehr
  • Qualitative Interviews mit Ausbildungsverantwortlichen aus Großindustrie, KMU, IHK, Pflegeakademie und Fernlehrinstituten
  • Zweite Erhebungswelle geplant für Juni 2026

Fünf Kernaussagen

01

KI ist angekommen – aber ungleich verteilt

Generative KI wird bereits breit eingesetzt, jedoch mit stark unterschiedlichen Reifegraden. Recherche und Materialplanung dominieren; Leistungsbewertung und Analytics sind noch kaum verbreitet.

02

Bildungspersonal profitiert spürbar

Effizienzgewinne bei der Materialerstellung, schnellere Aufgabenvarianten und verbesserte Individualisierung werden konsistent berichtet. Lehr- und Trainingseffizienz wird besonders positiv bewertet.

03

Lernende: Chancen und Risiken

Während Selbstorganisation und fachliche Fähigkeiten profitieren, bestehen Sorgen hinsichtlich kritischen Denkens und Reflexionsfähigkeit – die einzigen Bereiche mit negativen Mittelwerten.

04

Barrieren sind strukturell, nicht ideologisch

Fehlende Kompetenzen, Datenschutzunsicherheiten und das Fehlen institutioneller Regelungen sind die zentralen Barrieren – nicht grundsätzliche Ablehnung.

05

Der Mensch bleibt im Mittelpunkt

Der persönliche Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden bleibt für nahezu alle Befragten unverzichtbar, auch bei verstärktem KI-Einsatz. Der stärkste Konsens der gesamten Befragung.

Stimmen aus dem Feld

Hohe Dynamik bei großer Bandbreite

Die Interviews bestätigen die quantitativ ermittelte große Bandbreite im Reifegrad. In der Großindustrie setzen bereits viele Ausbilder KI aktiv im Alltag ein. Am anderen Ende des Spektrums stehen Betriebe, die ganz am Anfang stehen – was keineswegs als Defizit zu werten ist.

Ein Team, das fachsprachliche Trainingsmaterialien für Beschäftigte mit Migrationshintergrund erstellt, konnte die Produktionszeit von acht Wochen (zwei Vollzeit-Mitarbeitende) auf etwa zwei Wochen reduzieren.

Anfangen ist wichtiger als Perfektionismus

Die Interviewpartner, die heute am weitesten sind, haben irgendwann einfach angefangen – oft ohne Schulung, ohne Leitfaden, ohne institutionellen Rahmen. Es gibt keinen „richtigen" Zeitpunkt, um mit KI in der Ausbildung zu starten.

Der Mensch bleibt im Mittelpunkt

Als roter Faden durch alle Gespräche zieht sich die Erkenntnis: KI ersetzt nicht, sie verschiebt. Die Tätigkeit wandelt sich, die Verantwortung bleibt beim Menschen. Selbst dort, wo erhebliche Effizienzgewinne erzielt werden, wird betont, dass die fachliche und didaktische Qualitätssicherung menschliches Urteilsvermögen erfordert.

Drei Handlungsfelder

1. Institutionelle Rahmenbedingungen stärken

Der Einsatz generativer KI scheitert selten an grundsätzlicher Ablehnung, sondern an strukturellen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Einrichtungen mit klaren Policies, kollegialem Austausch und unterstützender Führungskultur weisen deutlich höhere Nutzungsniveaus auf.

2. Kompetenzentwicklung systematisch ausbauen

Fehlende Kompetenzen sind die meistgenannte Barriere. Qualifizierungsangebote sollten systematisch ausgebaut und um didaktische, rechtliche und ethische Fragestellungen ergänzt werden. Das Bildungspersonal übernimmt dabei eine Rollenmodellfunktion.

3. Fundamentale pädagogische Kompetenzen sichern

Die Befunde verdeutlichen, dass generative KI grundlegende pädagogische Kompetenzen nicht ersetzt, sondern deren Bedeutung verstärkt. Fähigkeiten wie kritisches Denken, Urteilsvermögen und Kommunikationskompetenz müssen didaktisch gezielt abgesichert werden.

Das BIBB reagiert auf die Bedarfe aus dem Feld: Aktuell wird eine Schulung zur rechtssicheren KI-Nutzung inklusive Checkliste entwickelt. Ab 2026 werden zwei zusätzliche Stellen für die Materialerstellung geschaffen. Eine regelmäßige KI-Sprechstunde als Webinar ist in Planung.

Ausblick

Für die Weiterentwicklung sind längsschnittliche Analysen geplant, um Entwicklungen im Reifegrad sowie mögliche Verstetigungs- oder Abbruchprozesse über die Zeit nachvollziehen zu können. Die zweite Erhebungswelle wird voraussichtlich im Juni 2026 durchgeführt. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass generative KI in der beruflichen Bildung bereits angekommen ist, sich jedoch in sehr unterschiedlichen Reifegraden manifestiert. KI ist nicht als isoliertes Werkzeug zu betrachten, sondern als Anlass, bestehende pädagogische Konzepte, Rollenverständnisse und Qualifizierungsstrategien weiterzuentwickeln.

Arbeitsbereich
2.5 – Lehren, Lernen, Bildungspersonal
Projektleitung
Dr. Oliver Nahm, Martin Isenmann
Laufzeit
Seit 2025 · laufend
Sachstandsbericht
März 2026
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